Architektur - Baugeschichte


Das Salzpatriziat in Reichenhall - Kirche St. Aegid






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Das Salzpatriziat in Reichenhall – Bau der Kirche St. Aegid

Das geschichtliche Potenzial, das in der Kirche St. Aegid steckt, sieht man ihr nicht an. Die ganze mittelalterliche Geschichte Reichenhalls spiegelt sich im Bau der Kirche wieder, die auf Salz basiert. Es ist das Jahr 1159, als sie gebaut wird.

1159 – auf dem Zahlenstrahl der Geschichte sehen wir das Hochmittelalter:

Geprägt ist diese Zeit vom Kampf der zwei universalen Mächte Kaisertum und Papsttum um die Vorherrschaft.

Diese Rivalität hat ihre nächstliegende Ursache in der Erneuerung der Kaiserwürde durch Otto den Großen (936-973). Er festigte seine Macht durch Einsetzung einer Reichskirche.
Er machte geistliche Würdenträger, Bischöfe und Äbte zu Reichsbeamten. Diese ernannte er selbst, er verlieh ihnen Königsgut und weltliche Herrschaftsrechte, die er immer wieder neu an königstreue Männer vergeben konnte, weil die Geistlichen ohne Erben waren. Die Reichskirche wurde so zur wesentliche Stütze des Königtums.

Die enge Verflechtung von Kirche und Staat festigt einerseits die Stellung der Könige, führt aber in der Folgezeit zu schweren Konflikten. Der Staat wird mit den Ansprüchen der Kirche konfrontiert. Im Investiturstreit zwischen Kaiser und Papst während des 11. und 12. Jahrhunderts scheitert schließlich der universale Machtanspruch der deutschen Kaiser.
Das Papsttum nahm diese enge Bindung seiner Würdenträger an das Reich solange hin, wie es selbst noch schwach war. Im Zuge einer kirchlichen Reformbewegung wurde es gestärkt und verfocht nun seine Unabhängigkeit. Es erhob darüber hinaus den Anspruch, auch dem Kaisertum übergeordnet zu sein. Der Papst entzog dem deutschen Königtum die Unterstützung durch die geistlichen Reichsbeamten und gefährdeten aufs neue die Ordnung des Reiches.

Der Kampf erreichte seinen Höhepunkt, als die staufischen Kaiser nach Sizilien ausgriffen und dadurch den päpstlichen Herrschaftsbereich, den Kirchenstaat umklammerten.

Zu dieser Zeit regiert im Reich Friedrich I. Barbarossa (1152-1190).

In Bayern herrscht Heinrich der Löwe aus dem Geschlecht der Welfen, der auch Herzog von Sachsen ist. Er gerät mit seiner zielstrebigen Machtpolitik in Rivalität zu Friedrich I. Barbarossa. In dem Machtkampf mit dem Stauferkaiser Friedrich I. Barbarossa um die Vorherrschaft im Reich unterliegt Heinrich der Löwe. Im Jahr 1180 wurde ihm auf einem Reichstag mit den Stimmen der Herzöge das bayerische Herzogtum abgesprochen, als er Friedrich I. Barbarossa die Heeresfolge verweigert. Der Kaiser benützte die Gelegenheit, Bayern durch die Abtrennung der Ostmark endgültig zu schwächen.
In dem Bestreben, die Macht der Stammesherzöge zu brechen und damit die Zentralgewalt gegenüber partikularistischen Gewalten zu stärken, hatte bereits 976 Otto II. die Markgrafschaften Verona, Friaul und Karantanien (Kärnten) von Bayern getrennt. Es wurde ein Herzogtum Kärnten geschaffen, weit umfassender als das gegenwärtige österreichische Kronland.
Die Grafen der Mark an der Traun, die ihr Gebiet Donau-abwärts zur Markgrafschaft Österreich erweitert hatten, kamen 1156, als es sich darum handelte, einen Ausgleich zu finden zwischen den Ansprüchen der Babenberger und der Welfen auf das bayerische Herzogtum, in den Besitz einer besonderen, von Bayern völlig unabhängigen Herzogsgewalt.
1180 verlor Bayern dann auch noch die Steiermark.

Die Herzogswürde in dem so verkleinerten Bayern verlieh Kaiser Friedrich I. Barbarossa an den in Bayern sehr begüterten Grafen Otto von Wittelsbach, der sich auf verschiedenen Feldzügen als treuer Gefolgsmann des Kaisers erwiesen hatte.

- Und dann ist da noch Salzburg, das römische Juvavum.

Hall steht um diese Zeit unter grundherrschaftlicher Oberhoheit des Erzbischofs von Salzburg.

Zur Vorgeschichte:
Die Kirchenorganisation der Römerzeit war weitgehend zugrunde gegangen.
Bayern musste durch Missionare für den christlichen Glauben neu gewonnen werden. Insbesondere irische und angelsächsische Mönche haben die christlichen Glaubenslehren auf das Festland getragen. Sie fanden ihren Rückhalt weniger im Papst als in den fränkischen Königen, die die Christianisierung als wertvolle Hilfe für die politische Erfassung eines eroberten Gebietes betrachteten. Zu Beginn des 7. Jahrhunderts kam der Abt des Klosters Luxeuil, im heutigen Frankreich, Eustasius, nach Bayern; das Kloster Weltenburg führt seine Gründung auf ihn zurück. Um das Jahr 700 kamen die Missionare Emmeram nach Regensburg und Rupert nach Salzburg, im Jahre 716 Korbinian nach Freising.

An diesen Orten und in Passau lagen die frühesten Sitze der bayerischen Herzöge, bei denen die Missionare bei ihrem Wirken Rückhalt fanden. So ist zu erklären, dass Bonifatius im Jahre 739 die ersten Bischofssitze in Bayern in Regensburg, Salzburg, Freising und Passau errichtete, die fortan die Mittelpunkte der vier Diözesen der bayerischen Kirchenprovinz bildeten.

Bayernherzog Theodo II. erhebt 696 Salzburg zum Mittelpunkt eines neuen Bistums und setzt den Missionar Rupert als ersten Bischof ein. Theodo schenkt Rupert die Stadt Juvavum (Salzburg) und die Obere Burg, dazu drei Meilen Land im Umkreis von Juvavum, die Weiderechte Gauza und Ladusa in Berchtesgaden und 20 Sudpfannen samt einem Drittel der Quellschüttung in Reichenhall. Nachzulesen im 790 verfassten Güterverzeichnis „Notitia Arnonis“.
Rupert gründet in Salzburg direkt am Felsen des Mönchsberges das
Benediktinerkloster „St. Peter“, das mit 80 Höfen reich ausgestattet wird.

Wichtiger jedoch als die Errichtung von Bischofssitzen waren für die Christianisierung des Landes die Klöster, die seit dem 7. Jahrhundert entstanden. Die Karolinger weisen den Hauptanteil ihres Kulturprogramms den Benediktiner-Klöstern zu. Die Mönche lebten nach der Regel, die der hl. Benedikt (✝ ca. 543), der Begründer des Klosters Monte Cassinoin Italien, aufgestellt hatte. Die Gründungen erfolgten damals in Form von Eigenklöstern. Das bedeutet, dass der König, der Herzog oder eine adelige Sippe Grund und Boden mit den dazugehörigen Untertanen bereitstellte, die für den Unterhalt der Mönchsgemeinschaft zu sorgen hatten. Dafür stand dem Stifter das Besitzrecht am Kloster zu. Er konnte über dessen Einkünfte verfügen und durfte auch den Abt ernennen.

Die meisten und die ansehnlichsten der frühen Benediktinerklöster in Bayern erhielten ihre Ausstattung, die in ausgedehnten Ländereien bestand, von der Herzogsfamilie der Agilolfinger;
aus ihrem riesigen Grund- und Güterbesitz zweigten sie Ausstattungen für fünf Bistümer und 35 Abteien ab:
Münchsmünster/Donau, Weltenburg, St. Emmeram in Regensburg, Niederaltaich, Moosburg, Thierhaupten, Wessobrunn, Gars und Au/Inn, St. Peter in Salzburg, Mondsee, Mattsee, Kremsmünster, Innichen im Pustertal und Chammünster in der Oberpfalz.
Die letzten drei waren sogenannte Kolonisationsklöster in Gegenden, die vom bayerischen Stammlandaus dem Christentum erschlossen werden sollten.

Stiftungen adeliger Familien des Landes waren Altomünster, Benediktbeuern, Kochel, Tegernsee, St. Pölten, Schäftlarn, Scharnitz-Schlehdorf und Metten. Die Benediktiner richteten in diesen Klöstern Schulen ein und wirkten als Vorbild für das umliegende Land bei der Bodenbestellung.

Salzburg war durch seine enormen Grunderwerbungen, vor allem aber durch das Reichenhaller Salz, bereits in agilolfingischen Zeit, zu einem politisch-kulturellen Mittelpunkt herangewachsen.
Nach dem Sturz Tassilos 788 fiel das bayrische Herzogtum unter die Herrschaft der fränkischen Krone. Unter einem Präfekten wurden fränkische Grafen Verwalter und Schutzherren.

Nach der Entmachtung der Agilolfinger 788 ließ Karl der Große genaue Erhebungen über die ehemals herzöglichen Güter und Einkünfte erstellen.
Dieser Umstand bewog den Salzburger Bischof Arno (785-821) über das bislang erworbene Kircheneigentum genaue Verzeichnisse anzulegen, um sich die Richtigkeit derselben bestätigen zu lassen. Diese seinerzeitigen Güterverzeichnisse „Indiculus Arnonis“ und „Breves Notitiae Salzburgenses“ gehören zu den ältesten und wichtigsten historischen Quellen der Region. Sie erfassten nicht nur Lage und Umfang aller Schenkungen, sondern nannten auch die Geber.
Unter anderem ist daraus zu entnehmen, dass Salzburg von den 1.600 Höfen, die es am Ende des 8. Jahrhunderts besaß, über die Hälfte vom agilolfingischen Herzogshaus erhalten hatte.

Als Gunsterweis Karls des Großen erhielt Salzburg 790, gemäß seiner Güterverzeichnisse, die volle Anerkennung seines Besitzstandes und avancierte 798 schließlich zum Erzbistum und Bischof Arno (785-821), treuer Kriegsgefährte, Königsbote, Berater und Freund des Kaisers, zum Ezbischof.
Die bayrische Kirche wird im Jahre 798 von Rom aus durch die Erhebung Salzburgs zum Erzbistum als Landeskirche zusammengefasst.
Salzburg bekam dadurch die Oberaufsicht über die vier übrigen bayrischen Bistümer (einschließlich des bereits in spätrömischer Zeit entstandenen Bistums Säben/Brixen). Auch konnte Arno für alle salzburgischen Besitzungen die Verleihung der sogenannten
Immunität erlangen. Dies war die Zusicherung und Übertragung einer eigenen Gerichtsbarkeit. Dies bewirkte, dass alle Landbesitzungen Salzburgs zu einem eigenen Rechtsbezirk (selbständige Vogteigerichtsbarkeit) wurden.
Weder der Graf noch seine Vasallen ( Richter , Schultheiß, Gewaltboten etc.) durften also künftig dort Amtshandlungen vornehmen. Bestätigt wurde dies auch von den Nachfolgern Karls des Großen.

Mit diesem Verfassungsakt Karls des Großen wurde eine der frühen Voraussetzungen geschaffen, die das Erzbistum in den folgenden Jahrhunderten schließlich zum souveränen Fürstentum aufsteigen ließ (mit Schwert im Wappen).
Im Reichenhaller Tal gehörte das meiste Land Salzburg.
Hall steht um diese Zeit unter grundherrschaftlicher Oberhoheit des Erzbischofs von Salzburg.
Die Marktsiedlung Hall unterstand somit salzburgischer Vogteigewalt, (Thumer Viertel = Dom Viertel).
Inmitten salzburgischen Umlandes hat der königliche Krongutbezirk (Dingstattviertel = Gerichtsviertel) in Hall, gleich einer Insel, als Distrikt eigenen Rechts, weiterbestanden. Das Gemeinwesen unterstand einem Richter (Zentenar, Hunt), dem zur Durchführung bestimmter Amtsgeschäfte ein Ortsbevollmächtigter oder Schultheiß zur Seite gegeben war. Im fränkischen Reich waren derartige Zentenarverfassungen stets Ausdruck königlicher Grundherrschaft.

Wegen der sehr verworren Rechtsverhältnisse waren Streitigkeiten alltäglich.

Wie überall im Reich erwächst im 12. Jahrhundert in Hall das Bürgertum.

Die initiative Gruppe sind die Salzsieder, an ihrer Spitze die Kaufleute und Fernhändler. Sie organisieren und beherrschen über die regionalen Märkte hinaus den Warenverkehr über weite Strecken wenig besiedelter Gebiete. Sie schließen sich zusammen zu Gilden und Bruderschaften. Aus diesen Zusammenschlüssen entsteht das städtische Patriziat, das oligarchisch die Politik der Stadt bestimmt und als 3. Stand, nach Klerus und Adel, dem Bürgertum eigene Rechte und politische Mitwirkung erkämpft.
Die Sieder-Familien stellten nicht nur alle 16 Räte der Stadt, sie hielten auch alle Stadtämter in Händen; die des Richters, des Zöllners und des Schreibers.

Durch Urkunden namentlich bekannt ist der Name Laubez, einer der ältesten Bürgerfamilien aus der Zeit. Sie waren wohl Ministeriale (Dienstleute) des Hochstifts (Fürstentum) von Salzburg, die zu der Zeit die Reichenhaller Salzproduktion weitgehend in Händen hielt und reich geworden sind.

Bekannt ist vor allem Heinrich Laubez, der Stifter der Kirche St. Aegid, die er 1159 neben seinem Grundstück im Thumer-Viertel (erzbischöfliches Domviertel) in Reichenhall errichten ließ. Es ist die Häuserzeile beim alten Markt, das Kaufleuteviertel.

Dass Laubez mit dem Bau der Kirche vorwiegend wirtschaftliche Interessen verfolgt hat, ist nachzuvollziehen. Er mag fromm gewesen sein, letztlich war er jedoch ein weitsichtiger Geschäftsmann, der seinen wirtschaftlichen Vorteil im Blick hatte.
Im Gegenzug für seine Kirchenstiftung erhielt Laubez das heute noch gültige „Kellerrecht“ an der Kirche und die „Brauerei- und Gastwirtschaftsgerechtsame“. Letzteres heißt, auf seinem Grundstück das Recht zu haben Bier zu brauen und auszuschenken, sowie Speisen anzubieten.

Die Kirche baute er deshalb voll unterkellert, was im Kirchenbau sonst nicht üblich ist. Diesen Keller erschloss er räumlich mit seinem benachbarten Gebäude. Er hatte somit unmittelbaren Zugang (Vergleichbar etwa mit Stockwerkseigentum).
Eine weitere Verbindung zum Kirchenkeller (seinem Lagerkeller für Bier und Wein) gab es auch über den Kirchturm von seinem Wohntrakt im 3.Stock aus.
Denn beim Abbruch des „Reichenhaller Hofes“ 1976 fand sich dort eine zugemauerte Türöffnung, die zum unmittelbar anschließenden Kirchturm führte.

Nach diesem erworbenen Recht baute Laubez auf seinem Grund neben der Kirche ein Gebäudekomplex mit Magazinen, Brauerei, Gaststuben, Übernachtungsmöglichkeit für Händler und Fuhrleute und Unterstellmöglichkeit für die Pferde (die heutige Poststraße 20).
Es war eine weitsichtige Bauplanung unserer Vorfahren: Kirche und Wirtshaus liegen nur einen Steinwurf voneinander entfernt. Dass auf die Labung der Seele eine rasche Erquickung des Leibes folgen soll, war über Jahrhunderte hinweg ein Leitmotiv des Katholizismus.

Über die nächsten Jahrhunderte und unter wechselnden Eigentümern blieb die bauliche Struktur dieses Gebäudekomplexes erhalten bis in 1975, als es abgerissen wurde und bis 1980 neu aufgebaut.

Nur der historische Kern, der St.Aegidi-Keller, wurde unter Denkmalschutz gestellt.

BB erwarb das alten Gemäuer und baute es nach seinen Plänen aus.
Das 1980 wieder eröffnete Traditionswirtshaus mit seiner hervorragenden Küche wurde natürlich wieder eine Institution. Es wurde das schönste und beliebteste Wirtshaus, weit über Reichenhalls Grenzen hinaus – dank auch der hervorragenden Bedienungen. Sie waren nebenbei noch Seelentrösterin, Psychologin, Lebensberaterin.
Ob aus Kultur und Politik - alle die sich etwas zu sagen hatten oder oder Grund zum Feiern, trafen sich im St. Aegidi-Keller. Mit dabei waren auch noch die vielen Gäste aus Russland, die anknüpften an die Zeit um 1870, als viele Adelige und betuchte Geschäftsleute aus Russland in Reichenhall Kur machten, und hier, im damaligen „Russischem Hof“, abstiegen.
- Über 45 Jahre - zwei Generationen - von 1978 bis 2022.
Die Wirte waren:
Bruno Biernath,
Sohn Michael mit seinem Bruder Bruno

Unter nachfolgendem Link sehen Sie Fotos und Dokumente:




Rittersaal

Quellen:
Das Bauernhaus im Deutschen Reich und in seinen Grenzgebieten; Textband -
herausgegeben 1906 im Verlag Gerhard Küthmann, Dresden.
Geschichte - TR-Verlagsunion 1970;
Bayerische Geschichte – TR-Verlagsunion 1970;
Vom Salztümpel zum Weltkurort – Volkshochschule 1987 Bad Reichenhall

In Arbeit